Die Kirche stirbt? Von wegen!

von Sandra Lüscher

Die Kirche stirbt? Von wegen!

 

Wer in diesen Monaten auf die katholische Kirche blickt, erlebt mancherorts eine Überraschung: Eine junge Generation entdeckt den Glauben neu! Was lange als Auslaufmodell galt, scheint plötzlich in Europa wieder überraschend aktuell zu sein. Ist das die viel zitierte Renaissance des Glaubens? Jedenfalls gibt es Zeichen, die aufhorchen lassen.

Die Begeisterung rund um Papst Leo XIV. und die grossen kirchlichen Begegnungen zeigen, dass der katholische Glaube Menschen über Generationen und Ländergrenzen hinweg bewegt. Besonders in Frankreich und anderen südlichen Ländern werden neue Aufbrüche gemeldet. Liberale Medien fragen sich, warum lassen sich junge Menschen in einem laizistischen Land wieder taufen, gehen zur Messe, entdecken die Eucharistie, finden zur Anbetung, zur Beichte und zum Gebet? Die medial verbreitete Vorstellung, dass sich niemand mehr für den Glauben interessiert, bekommt Risse.

 

Und wie sieht es bei uns in Davos aus?

Auch hier wenden sich Jugendliche und Familien immer wieder mit Fragen nach der Taufe und dem Eintritt in die katholische Kirche an uns. Das freut mich als Pfarrer ganz besonders. Denn hinter jeder Anfrage steht ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, mit Hoffnungen und einer Sehnsucht, die sich nicht einfach wegmodernisieren lässt: die Sehnsucht nach Liebe, Wahrheit, Geborgenheit und Ewigkeit.

Viele sagen mir, dass die sozialen Medien hierbei eine wichtige Rolle einnehmen. Auf TikTok, Instagram und anderen Plattformen begegnen junge Menschen Glaubensthemen, die sie zum Nachdenken bringen. Irgendwann wächst die Frage: Was ist eigentlich der Kern des christlichen Glaubens? Was trägt wirklich? Viele wollen ehrliche Antworten statt frommer Floskeln, Klarheit statt Schönrederei und die Quellen des Glaubens statt ideologischer Verflachung. Sie möchten wissen, wer Jesus Christus ist – und was er mit ihrem Leben zu tun hat.

Diese Menschen suchen nicht einfach eine weitere Freizeitbeschäftigung, schöne Gebäude oder Traditionen um ihrer selbst willen. Sie suchen Orientierung, eine Gemeinschaft die trägt, und eine lebendige Beziehung zum wahren Gott und Vater Jesu Christi, die auch in schwierigen Zeiten Halt gibt. Sie möchten erfahren, welche Antworten das Evangelium heute auf ihre Fragen bereithält.

 

Das Christentum ist keine Erinnerung an vergangene Zeiten. Es ist eine Einladung, heute und morgen mit Christus zu leben

In jeder Eucharistie (Heilige Messe) begegnen wir ihm einzigartig, im Gebet lernen wir, auf seine Stimme zu hören und wie Gottes Geist handelt, und in der Gottes- u. Nächstenliebe wird seine Gegenwart konkret. Die Sakramente sind keine folkloristischen Bräuche, sondern wirksame Zeichen von Gottes Handeln. Wer das entdeckt, erkennt: Der Glaube ist nicht von gestern. Er ist Zukunft!

 

Was können wir daraus lernen?

Vor allem eines: Wir dürfen unseren Glauben selbstbewusst, authentisch und mit Freude leben. Gerade junge Menschen spüren sehr genau, ob jemand bloss über den Glauben redet oder aus ihm heraus lebt. Eine Kirche, die ihre Botschaft aus Angst vor Kritik verwässert und sich vor allem mit sich selbst beschäftigt, wird kaum begeistern. Gefragt ist, wie Papst Leo sagt, eine Kirche, die Christus in den Mittelpunkt stellt und jedem Menschen mit offenem Herzen begegnet.

Natürlich dürfen wir Kirchenaustritte, schwindende Ressourcen und schmerzliche Erfahrungen nicht schönreden. Doch ebenso wenig dürfen wir uns von der Vorstellung lähmen lassen, die Kirche habe keine Zukunft. Es braucht in der Pastoral heute wieder mehr Zeit für persönliche Gespräche, verständliche Glaubensverkündigung, lebendige Liturgie und ehrliche Antworten – auch auf schwierige Fragen. Wir müssen nicht künstlich jung wirken. Wir müssen glaubwürdig sein. Und wir dürfen wieder mutig von Sünde und Vergebung, von Kreuz und Auferstehung, von Gebet, ewiger Hoffnung und Erlösung sprechen: ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit der Überzeugung, dass Christus unser Leben verwandeln kann.

Gott schreibt seine Geschichte nicht nach unseren Statistiken. Er ruft Menschen, manchmal leise, manchmal überraschend und gerade dort, wo niemand mehr damit gerechnet hat. Jede ehrliche Glaubensfrage und jeder neue Schritt in die Gemeinschaft der Kirche ist ein kleines Osterzeichen: Das Leben setzt sich durch!

 

Auch in Davos wollen wir diese kleinen Aufbrüche ernst nehmen und begleiten – mit Dankbarkeit, offenen Türen und einem lebendigen Glauben. Denn Kirche lebt nicht zuerst von Zahlen, Gebäuden oder Strukturen. Sie lebt von Menschen, die Jesus Christus begegnen und seine Wahrheit weitertragen.

 

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: Stirbt die Kirche? Sondern: Sind wir bereit, jene willkommen zu heissen, die Gott heute zu uns führt?

 

Ich wünsche Ihnen frohmachende Glaubenserfahrungen und Gottes guten Segen!

 

Ihr

Pfarrer Kurt B. Susak, Dekan

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